Offener Brief
an Bundesgesundheitsministerin
Nina Warken
Sehr geehrte Frau Warken,
wir müssen reden. Wir haben Sie bereits mehrfach auf die unhaltbare Situation hingewiesen: eine faktisch nicht existente Versorgung von Long-Covid- und ME/CFS-Betroffenen bei gleichzeitig anhaltender, ungebremster Durchseuchung der Bevölkerung.
Nun tritt zur Nichtversorgung auch noch die öffentliche Verhöhnung von Betroffenen hinzu – und das werden wir nicht hinnehmen.
Am 22. Januar 2026 fand in Berlin das LongCARE-Symposium statt, eine Tagung des Koordinationsprojekts des Förderschwerpunkts Long COVID Ihres Bundesgesundheitsministeriums.
Im Rahmen dieser Veranstaltung erklärte der Redner Dr. med. Thomas Maibaum, er habe „keinen Bock“ auf die korrekte Kodierung von Long Covid und ME/CFS. Diese Aussage ist in mehrfacher Hinsicht alarmierend. Die entsprechenden Diagnosecodes existieren seit geraumer Zeit. Sie sind Voraussetzung für valide Statistiken, für eine realistische Einschätzung des Ausmaßes der Erkrankungen und für eine bedarfsgerechte Planung von Versorgung, Prävention und Forschung.
Dass auf einem Symposium, das sich explizit mit „Care“, also Versorgung, befasst, ein Referent seine bewusste Weigerung zur korrekten Kodierung offen zur Schau stellt, ist ein Skandal.
Dr. Maibaum ist dabei kein beliebiger Arzt, sondern Präsidiumsmitglied der DEGAM. In dieser Funktion prägt er die Arbeit zahlreicher Hausärzt*innen und vertritt den Verband nach außen. Müssen wir davon ausgehen, dass dieses Verhalten nicht nur toleriert, sondern stillschweigend akzeptiert oder sogar erwünscht ist?
Ohne konsequent angewendete Diagnosecodes lässt sich das tatsächliche Ausmaß dieses gesundheitlichen Notstands verschleiern. Präventionsmaßnahmen können weiterhin als unnötig dargestellt werden, und Forschung wird in Richtungen gelenkt, die an der Realität der Erkrankungen vorbeigehen.
Ein aktuelles Beispiel ist die jüngst angekündigte „Malstudie“ des Universitätsklinikums Nürnberg, die untersuchen soll, „ob Kunsttherapie Symptome der Post-Covid-Erkrankung lindert“. Eine Erkrankung, die nachweislich durch ein organschädigendes Virus ausgelöst wird und für die international unter anderem antivirale und immunmodulierende Medikamente erprobt werden, soll hier mit Maltherapie behandelt werden? Das ist der Gipfel der Verhöhnung von Betroffenen!
Solche Studien sind nur möglich, wenn von offizieller Seite vermittelt wird, Long Covid sei keine somatische Erkrankung, und Betroffene routinemäßig mit psychischen Diagnosen versehen werden – sei es aus Abrechnungsgründen oder aus persönlicher Bequemlichkeit, weil man „keinen Bock“ auf fachlich korrekte Arbeit hat.
Ihr Ministerium fördert übrigens die Long-Covid-Ambulanz des Universitätsklinikums Nürnberg. Zwar nicht unmittelbar die genannte Studie, sehr wohl aber die strukturellen Voraussetzungen, unter denen solche Forschungsansätze entstehen und legitimiert werden.
Das muss aufhören.
Die Verschleierung des tatsächlichen Ausmaßes von Long Covid und ME/CFS, die anhaltende Nichtversorgung Erkrankter und die überproportionale Förderung evidenzloser psychosomatischer Maßnahmen dürfen nicht länger hingenommen werden.
Wir fordern Sie daher nachdrücklich auf,
• Verantwortung einzufordern von Ärzt*innen, die vorhandene Diagnosecodes nicht anwenden und dieses Verhalten öffentlich rechtfertigen oder sogar propagieren,
• Transparenz über das tatsächliche Ausmaß der Long-Covid- und ME/CFS-Krise herzustellen,
• die Förderung evidenzloser psychosomatischer Ansätze zu beenden,
• flächendeckende ambulante Versorgungsstrukturen für Long-Covid- und ME/CFS-Betroffene zu etablieren.
Wir bitten um eine klare und verbindliche Stellungnahme, die den Ernst der Lage widerspiegelt.
Berlin Buyers Club