Offener Brief an die STIKO
Offener Brief an die STIKO, den Gemeinsamen Bundesausschuss und Bundesgesundheitsminister Linnemann: Angepasste COVID-19-Impfstoffe jetzt zugänglich machen – Forderung nach wissenschaftsorientierten Impfempfehlungen und Kostenübernahme
Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrter Herr Bundesminister Linnemann,
mit Entsetzen haben wir von der neuen STIKO-Impfempfehlung erfahren, nach der die jährliche COVID-19-Auffrischimpfung künftig nur als Standardimpfung für Menschen ab 75 Jahren empfohlen wird.
Der Berlin Buyers Club setzt sich als Interessenvertretung für Menschen mit Long Covid und ME/CFS sowie für verlässliche Versorgungsstrukturen und einen wirksamen Infektionsschutz ein. Viele der Menschen, für die wir uns einsetzen, leben seit Jahren mit erheblichen und teilweise dauerhaften gesundheitlichen Folgen einer SARS-CoV-2-Infektion.
Dass bei der neuen Impfempfehlung der Schutz vor schweren akuten Verläufen im Vordergrund steht, während die Prävention von langfristigen Folgen von COVID-19 Infektionen – darunter Long Covid, ME/CFS, kardio- und neurovaskuläre Ereignisse, Organschäden und Autoimmunerkrankungen – bei der öffentlichen Bewertung der Impfstrategie kaum eine Rolle spielen, halten wir angesichts der weiterhin hohen Zahl von Betroffenen für kurzsichtig bis fahrlässig.
Gleichzeitig stehen aktuell angepasste Impfstoffe gegen die zirkulierende XFG-Variante zur Verfügung. Die EU-Zulassung der XFG-Impfstoffe erfolgte bereits am 28. Juli 2026. Der G-BA hat am 3. September 2026 beschlossen, Comirnaty XFG, Spikevax XFG und Nuvaxovid XFG in die Schutzimpfungs-Richtlinie aufzunehmen. Der Beschluss ist allerdings noch nicht in Kraft.
Für uns ist nicht nachvollziehbar, warum Menschen, die sich jetzt mit einem an die aktuelle Virusvariante angepassten Impfstoff schützen möchten, weiterhin auf den Zugang zu diesem Impfstoff warten oder ihn als Selbstzahlerleistung finanzieren müssen, während noch vorhandene Bestände älterer Impfstoffe verwendet werden. Gerade für Long Covid- und ME/CFS-Betroffene sowie ihre Angehörigen kann eine Infektion schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben. Das Wirtschaftlichkeitsgebot darf dabei nicht zum Vorwand werden, medizinisch gebotenen Schutz allein deshalb vorzuenthalten, weil noch ältere Impfstoffbestände vorhanden sind. Zumal das RKI für Influenza ausdrücklich “die jeweils aktuelle, von der WHO empfohlene Antigenkombination" empfiehlt – warum sollte für COVID-19 ein anderer Maßstab gelten?
Soweit wir wissen, hatten wir noch nie einen Bundesgesundheitsminister und eine Gesundheitsverwaltung, die darauf bestanden hätten, zunächst einen Impfstoff gegen eine überholte Grippevariante aufzubrauchen, obwohl bereits ein an die aktuell zirkulierende Variante angepasster Impfstoff verfügbar ist. Warum soll dies bei COVID-19 akzeptabel sein?
Zumal das Variantenmonitoring in Berlin aktuell eine starke Zirkulation von XFG zeigt und die SARS-CoV-2-Viruslast im Abwasser wieder ansteigt.
Wir fordern deshalb:
Impfempfehlungen müssen sich am aktuellen Stand der Wissenschaft und an der tatsächlichen Krankheitslast orientieren - und nicht ausschließlich an den hospitalisierten COVID-19-Fällen und COVID-19-Todesfällen. Die COVID-19-Impfempfehlung muss daher wieder auf jüngere Altersgruppen ausgeweitet werden und die langfristigen Folgen von SARS-CoV-2-Infektionen angemessen berücksichtigen.
Angepasste Impfstoffe müssen unmittelbar zugänglich sein. Zugang zu den aktuellen Impfstoffen darf nicht davon abhängen, ob ältere Impfstoffbestände noch vorhanden sind, welcher Impfstoff gerade wirtschaftlich abgerufen werden kann oder ob Menschen die Kosten selbst tragen können.
Insbesondere Long Covid- und ME/CFS-Betroffene sowie ihre Angehörigen und Pflegepersonen müssen sofort Zugang zu den an XFG angepassten COVID-19-Impfstoffen erhalten – als Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung.
Impfungen sind eine der großen Errungenschaften der modernen Medizin. Sie dürfen nicht zu einem Privileg derjenigen werden, die sich die aktuellste und wissenschaftlich sinnvollste Variante des Impfstoffs privat leisten können.
Wir fordern daher eine wissenschaftsorientierte Impfpolitik, die sich am Schutz der Gesamtbevölkerung und nicht am Aufbrauchen vorhandener Lagerbestände orientiert.
Mit freundlichen Grüßen,
Berlin Buyers Club